KVÖ-Trainer:innenforum: Vorsprung durch Wissen

Allgemein

Mit dem Trainer:innen-Forum am 16. und 17. Jänner 2026 in Innsbruck positionierte sich der KVÖ als moderner, selbstkritischer Verband, der bestehende Strukturen nicht nur optimiert, sondern neu denkt.

Da das Kopieren vergangener Methoden im internationalen Wettbewerb nicht mehr ausreicht, diente die Plattform dem bewussten Dialog zwischen Evidenz und unkonventionellen Coaching-Ansätzen. Anstatt auf Dogmen zu beharren, suchten Trainerinnen und Trainer den intensiven Austausch an der Schnittstelle von Theorie und Praxis. Dieses Forum markiert den Aufbruch zu einer nachhaltigen Talentförderung, die durch Mut zur Selbstreflexion und neue wissenschaftliche Impulse künftige Erfolge sichern soll.

 

Ein besonderes Highlight der Veranstaltung war der Beitrag von Prof. Dr. Arne Güllich. Als etablierter Experte für Sportwissenschaft lieferte er die notwendige evidenzbasierte Grundlage für die Neuausrichtung der Talentförderung. Sein Vortrag forderte dazu auf, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen und die vielseitige sportliche Ausbildung möglichst lange in den Vordergrund zu stellen.

 

1. Den Horizont erweitern: Impulse, die Dogmen in Frage stellen

 

Unter dem Motto „Blick über den Tellerrand“ lud das Forum dazu ein, die eigenen Methoden kritisch zu reflektieren und von externen Quellen zu lernen – eine unerlässliche Voraussetzung für die Weiterentwicklung im Spitzensport. Denn nur wer bereit ist, vertraute Pfade zu verlassen, kann neue Gipfel erreichen.

 

1.1. Kletter-Coaching neu gedacht

 

Um im Spitzensport neue Horizonte zu erschließen, bedarf es mehr als der Optimierung bestehender Methoden. Es erfordert den Mut, fundamentale Annahmen infrage zu stellen. Kaum jemand verkörpert diesen Ansatz so radikal wie Udo Neumann, der als Vordenker und kreativer Stratege den Auftakt des Forums gestaltete. Mit seinen provokanten Thesen fordert er ein Umdenken in der täglichen Trainingsarbeit und lieferte inspirierende Impulse, weit weg von traditionellen Trainingsansätzen.

 

Seine Kernbotschaften waren unmissverständlich: Starre Aufwärmrituale schaffen oft nur eine „Illusion der Kontrolle“, die im unvorhersehbaren Wettkampfgeschehen zerbricht. Stattdessen müssen Bewegungsmuster und tradierte Methoden unablässig hinterfragt werden. Neumann warnte eindringlich vor dem „Survivor Ship Bias“ – dem Trugschluss, nur von den Gewinnern lernen zu können. Die wahren Lektionen, so seine Überzeugung, liegen oft im Misserfolg verborgen. Seine zentrale Forderung an die Coaches lautete, sich weniger als Anweiser und mehr als „Umfeldgestalter“ zu verstehen, die die Autonomie ihrer Athlet:innen gezielt fördern und ihnen die Werkzeuge zur Selbstentwicklung an die Hand geben.

 

1.2. Was wir vom Geräteturnen lernen können

 

Der interdisziplinäre Austausch ist ein entscheidender Motor für Innovation im Spitzensport. Einen solchen wertvollen Impuls lieferte Fabian Leimlehner, sportlicher Leiter von Turnsport Austria, mit seinem Einblick in die Welt des Geräteturnens.

 

Leimlehner skizzierte eine Sportart, die in vielerlei Hinsicht einen Kontrapunkt zur modernen Kletterkultur darstellt. Das Geräteturnen ist geprägt von extremer Komplexität, dem Streben nach Bewegungsperfektion, enorm hohen Trainingsumfängen und einer sehr frühen Spezialisierung. Dieser faszinierende Einblick offenbarte jedoch auch einen klaren Widerspruch: Die im Turnen erfolgreich praktizierte frühe Spezialisierung steht im direkten Gegensatz zu den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen – und leitete damit zur zentralen Debatte des Forums über.

 

2. Wissenschaft trifft Praxis: Die Fakten hinter dem Erfolg

 

Das pulsierende Herzstück des Forums war die Podiumsdiskussion zur Spezialisierung. Die strategische Frage nach dem richtigen Timing in der Talententwicklung entscheidet maßgeblich über die Nachhaltigkeit von Karrieren und den langfristigen Erfolg von Athlet:innen.

 

2.1. Der Mythos der frühen Spezialisierung

 

Den wissenschaftlichen Kern der „Timing-Debatte“ lieferte der Vortrag von Prof. Arne Güllich, dessen Forschungsergebnisse etablierte Förderlogiken herausfordern. Die Daten der Studie zeichnen ein klares und überraschendes Bild, das Güllich prägnant und unmissverständlich auf den Punkt brachte. Die Meta-Analysen zeigen, dass die Prädiktoren für Erfolg im Junioren- und Seniorenalter nicht nur unterschiedlich, sondern gegensätzlich sind. Während frühe Erfolge im Nachwuchs mit einem frühen Trainingsbeginn korrelieren, zeichnen sich Weltklasseathlet:innen im Erwachsenenalter durch einen späteren Einstieg und signifikant mehr Training in anderen Sportarten aus. Güllichs Schlussfolgerung ist ebenso klar wie provokant: Erfolgreiche Junioren und erfolgreiche Senioren stellen zwei weitgehend diskrete Populationen dar.

 

Die Forschung liefert auch plausible Erklärungsansätze für diese Beobachtung. Die Search Hypothesis besagt, dass vielseitige Erfahrungen die Chance erhöhen, den optimal passenden Sport zu finden. Die Learning Capital Hypothesis postuliert, dass unterschiedliche Lernaufgaben das Lernkapital für späteres hochspezialisiertes Training erweitern. Und die Limited Risk Hypothesis argumentiert, dass die Diversifikation das Risiko von Burnout und chronischen Verletzungen reduziert.

 

Daraus leitet Güllich eine klare Empfehlung ab: Um die langfristige Spitzenleistung zu fördern, sei eine späte Spezialisierung und das parallele Betreiben von zwei weiteren Sportarten der erfolgversprechendste Weg. Die frühe Beschleunigung von Training und Leistung sollte bewusst begrenzt werden.

 

Diese Position traf auf die gelebte Praxis des Turnsports und entfachte einen dynamischen Austausch. Die Konfrontation dieser Modelle ermöglichte den Trainer:innen tiefe Einblicke in die Komplexität der Talententwicklung und schärfte das Bewusstsein für die Verantwortung, die sie für ihre Athlet:innen tragen.

 

2.2. Die unsichtbaren Fäden des Erfolgs

 

Marc Philippe, Leiter des Kompetenzzentrums Wissenschaft im Olympiazentrum Vorarlberg, ergänzte diese harten Daten durch die menschliche Dimension und rückte die persönliche Komponente des Coachings in den Mittelpunkt. Seine Kernaussagen unterstreichen, dass die „weichen Faktoren“ oft die entscheidenden sind.

 

Philippe analysierte, wie sich die Trainerrolle mit der Entwicklungsphase der Athlet:innen wandelt: In der Anfangsphase ist der Coach vor allem ein Vorbild, das Begeisterung weckt. Im Nachwuchsleistungssport wird er zum Förderer von Autonomie, der die Athlet:innen befähigt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Das Prinzip Person before Performer ist dabei von zentraler Bedeutung. Es stellt den Menschen vor den Leistungsträger und ist entscheidend für die Vermeidung von Dropouts und die Entwicklung mündiger Persönlichkeiten. Während Güllichs Daten aufzeigen, welcher Entwicklungspfad statistisch zum Erfolg führt, liefert Philippes Analyse das “mentale Fundament” dafür, warum Athlet:innen auf diesem langen, weniger forcierten Weg motiviert bleiben und nicht vorzeitig ausbrennen. Letztlich, so Philippe, ist die Qualität der Trainer-Athlet-Beziehung einer der wichtigsten, aber oft übersehenen Faktoren für nachhaltigen Erfolg.

 

Doch wie integriert der KVÖ diese komplexen wissenschaftlichen Erkenntnisse in die tägliche Trainingsarbeit?

 

3. Die Umsetzung im KVÖ: Vom Wissen zum Handeln

 

Theoretische Konzepte sind nur dann wertvoll, wenn sie in praktische, anwendbare Werkzeuge übersetzt werden. Das „KVÖ Anforderungsprofil für Kletter-Athlet:innen“, vorgestellt von Thomas Kohlbacher, ist die konkrete Antwort des Verbands auf diese Herausforderung. Es ist weit mehr als eine Checkliste; es dient als strategisches Navigationsinstrument für die Trainingsplanung, Leistungsanalyse und die Steuerung der sportlichen Entwicklung.

 

Kohlbacher betonte dabei den synergetischen Effekt: Alle Bausteine des Profils wirken zusammen, und die unzureichende Entwicklung eines Elements – sei es physisch oder mental – beeinflusst unweigerlich die Leistungsfähigkeit in den anderen Bereichen. Dieses Profil gibt den Trainer:innen ein systematisches Werkzeug an die Hand, um Talente ganzheitlich zu analysieren und sie systematisch an die Weltspitze heranzuführen. Die wissenschaftliche Evaluierung ist zudem ein wesentlicher Prozess für die Qualitätssicherung, der in enger Zusammenarbeit mit Sportpsychologinnen und sportwissenschaftlichen Partnern kontinuierlich vorangetrieben wird.

 

Fazit: Wissen & Fortschritt

 

Das Trainer:innen-Forum 2026 war ein kraftvolles Signal des Aufbruchs, das den Mut zur Selbstreflexion und den unbedingten Willen zur Weiterentwicklung in den Mittelpunkt stellte.
„Wir dürfen keine Angst vor unbequemen Fragen haben. Die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen bewährten Wegen und radikal neuen Ideen, ist der Motor für echten Fortschritt. Unsere Verantwortung ist es, ein System zu schaffen, das nicht nur kurzfristige Juniorenerfolge produziert, sondern Athletinnen und Athleten langfristig entwickelt und sie als gesunde, selbstbestimmte Persönlichkeiten an die Weltspitze führt. Dieses Forum lieferte viele neue Impulse für diesen Weg.“

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